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31.10.2024

"Das Philosophenschiff" von Michael Köhlmeier

Buchtipp "Das Philosophenschiff"
Buchtipp "Das Philosophenschiff"

Darf ich mit einer Denksportaufgabe beginnen?

Einem Verbrecher droht die Todesstrafe. Da der Staat human ist, darf er sich aussuchen, auf welche Art und Weise er hingerichtet wird. Er soll einen Satz sagen, irgendeinen. Ist der Satz richtig, wird er geköpft, ist der Satz falsch, wird er erhängt. Tatsächlich ergibt sich daraus für den Verbrecher die Möglichkeit freizukommen. Welchen Satz muss er sagen? (Die Lösung der Denksportaufgabe finden Sie natürlich im Roman J)

Anouk Perleman-Jacob, eine hundertjährige bekannte Architektin, bittet einen bekannten Schriftsteller ihre Lebensgeschichte neu zu erzählen. Nicht als Biografie, als Roman soll er sie erzählen, da die Wahrheit zu unglaubwürdig ist.

„Ich habe mich über sie erkundigt. Sie haben einen guten Ruf als Schriftsteller, aber auch einen etwas windigen. Ich weiß, dass Sie Dinge erfinden und dann behaupten, sie seien wahr. Jeder wisse das, hat man mir gesagt, aber immer wieder gelinge es Ihnen, Ihre Leser und Zuhörer hinters Licht zu führen.“

Täglich treffen sich beide im Haus der alten Dame, wo Frau Perleman-Jacob zu erzählen beginnt. 1922 muss die junge Anouk, geboren und aufgewachsen in St. Petersburg, gemeinsam mit ihren Eltern das Land verlassen. Mit 10 anderen Personen werden sie auf einen Luxusdampfer gebracht, unten in die 3. Klasse. Es ist das letzte der sogenannten Philosophenschiffe, mit denen die Bolschewiken Intellektuelle außer Landes bringen. Nach ein paar Tagen stoppt das Schiff inmitten des finnischen Meerbusens und ein Beiboot kommt. Was wird geschehen? Ein Erschießungskommando? Es herrscht eine Atmosphäre von Angst und Misstrauen – jeder sieht im anderen einen möglichen Spitzel. Nur die junge Anouk, mit ihrer Lebensfreude und ihrem Tatendrang überwindet die Absperrungen des Flures und erkundet das Schiff…und findet oben auf dem Deck der 1. Klasse den alten und von einem Attentat gezeichneten Lenin sitzen. Jeden Abend, wenn die anderen schlafen, geht sie hinauf und unterhält sich mit ihm. Das Ende des Romans soll hier nicht verraten werden.

Die spannende Frage, was Dichtung und was Wahrheit ist, begegnet einem im Roman auf allen Ebenen. Manches Erzählte revidiert die Hundertjährige einige Tage später wieder, da sie die Dinge etwas anders habe darstellen wollen. Auch Köhlmeier erfindet eine Reihe von Dingen, die so tatsächlich hätten stattfinden können. Ich lerne in den Erzählungen der Hundertjährigen viel Geschichtliches, über die Brutalität des bolschewistischen Terrors, die Atmosphäre der Paranoia, die jeder Diktatur eigen ist, und vieles mehr.

Was ist Fiktion, was Realität? Wie sagt Frau Perlamann-Jacob am Ende zum Schriftsteller: „Und vergessen Sie nicht, wer sie sind: Sie sind der, dem man glaubt, wenn er lügt, und nicht glaubt, wenn er die Wahrheit sagt.“

Meines Erachtens wäre ‚Das Philosophenschiff‘ ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis 2024 gewesen. Leider findet es sich noch nicht einmal auf der Shortlist…

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