Buchtipp von Helmut Törner-Roos
Im Februar 2022 greift Russland die Ukraine an. Der neugewählte US Präsident Trump wiederholt mehrfach Annexionsdrohungen gegen Grönland. Auch den Panamakanal reklamiert er für die USA. Nur kurze Notizen sind dagegen den Nachrichten Grenzstreitigkeiten zwischen Sudan und Südsudan wert. Die Folge des Konfliktes ist eine der größten Hungerkatastrophen der letzten Jahre, fast 10 Millionen Menschen fliehen aus ihren Dörfern…
Was für eine andere Perspektive auf die Welt bietet mir das Buch Umlaufbahnen, das ich in den Tagen dieser Nachrichten lese. Samantha Harvey nimmt mich mit in eine internationale Raumstation. Vier Astronautinnen und Astronauten aus Amerika, Japan, Großbritannien und Italien und zwei Kosmonauten aus Russland sind an Bord. Ihr Aufenthalt wird neun Monate dauern. In 400 Kilometern Höhe umkreisen sie mit einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde die Erde. 16-mal am Tag.
Eigentlich hat der Roman keine Handlung. Wir erfahren von den Experimenten und Beobachtungen, die Einzelne zu Forschungszwecken durchführen, von den jeweiligen Familien – Chies Mutter stirbt unverhofft, während sie sich in der Raumstation befindet, von ihren unterschiedlichen Motivationen, Astronaut/in zu werden. Im Zentrum des Romans allerdings stehen die Gedanken und Gefühle der Crew. Die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Erde, die Unsinnigkeit aller globalen und regionalen Konflikte auf dem Planeten und die Bedeutung des menschlichen Lebens insgesamt.
„Bald ergreift sie alle ein Verlangen. Das Verlangen, nein, das inbrünstige Bedürfnis, diese riesige und zugleich winzige Erde zu beschützen. Dieses wundersame und auf bizarre Weise hübsche Ding. Das, in Ermangelung besserer Alternativen, so unverkennbar zu ihrem Zuhause geworden ist. Ein grenzenloser Ort, ein schwebendes Juwel, schockierend hell. Kann die Menschheit nicht in Frieden miteinander leben? Im Einklang mit der Erde? Das ist kein frommer Wunsch, vielmehr eine gereizte Forderung. Können wir nicht aufhören, die eine Sache, von der unser aller Leben abhängt, zu tyrannisieren und zu zerstören, zu plündern und zu vergeuden? Und doch hören sie die Nachrichten, sie leben ihr Leben, und nur weil sie Hoffnung haben, sind sie noch lange nicht naiv. Was tun sie also? Welche Maßnahmen sollen sie ergreifen? Und wozu sind Worte schon gut? Sie sind Menschen mit einem göttlichen Ausblick, und das ist Segen und Fluch zugleich.“ (Seite 120f.)
Samantha Harvey vermag es mit ihrer poetischen Sprache die Schönheit und Einzigartigkeit der Erde zu schildern. Der Blick aus dem Weltall zeigt aber auch deren Verletzlichkeit. Während des Lesens befinde ich mich plötzlich selbst in der Raumstation, fange an zu staunen und spüre etwas von der Demut, von der auch die Astronauten erfasst sind.
Manchmal helfen ein paar Seiten des Buches vor dem Einschlafen nach den Nachrichten des Tages eine andere Perspektive auf unsere Erde zu bekommen…