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Buchtipp von Helmut Törner-Roos

"Acqua Alta" von Isabelle Autissier

Buchcover Acqua Alta
Buchcover Acqua Alta

Venedig. Natürlich kann man nicht ständig hinfahren, obwohl man gerne würde. Wie viele andere Menschen auch hat mich diese Stadt vor einigen Jahren bezaubert. Wie gut, dass es sich mit Hilfe von Büchern auch in der Phantasie reisen lässt: Thomas Mann, Cornelia Funke und natürlich Donna Leon. So lockt mich auch das Cover des neuen Buches von Isabelle Autissier, Acqua Alta. In Nebel gehüllte romantische Gondeln und die Basilika San Giorgio Maggiore im Hintergrund.

Aber dann erwartet mich dieser verstörende Plot: Leblose Fassaden, der Markusplatz den Naturgewalten ausgeliefert, vom Dogenpalast steht nur noch die Rückwand. Man hatte noch gescherzt über Gummistiefel und die Selfis der Touristen, die bis zu den Knien im Wasser stehen würden. Hochwasser war angesagt. Der Sturm sollte diesmal stärker werden als üblich. Das Sturmflutsperrwerk MO.S.E., 78 riesige absenkbare Fluttore, würde alles regeln. Doch die Tore versagten. Die Katastrophe dauerte nur eine knappe Stunde. Es gab nur wenig Überlebende. Venedig existiert nicht mehr…

Am Beispiel der Familie Malegatti erzählt Isabelle Autissier die jahrelangen Entwicklungen, die zu der Katastrophe führten. Guido, seine Frau Maria Alaba und die fast volljährige Tochter führen ein gutes Leben. Guido, Bauer aus einfachen Verhältnissen, arbeitet sich hoch, macht sich einen Namen als Bauunternehmer und Entwickler für touristische Projekte, wird schließlich Wirtschaftsminister von Venedig. Er ist der Macher, der versucht so viel Geld wie möglich aus dem Tourismus herauszupressen. Maria Alba stammt aus einer verarmten venezianischen Adelsfamilie. Sie lebt in und aus den Erinnerungen an die große Vergangenheit Venedigs und kümmert sich um die Wohnung. Lea, die fast volljährige Tochter, hat die Liebe zur Stadt von ihrer Mutter gelernt, spürt aber die Bedrohung durch Übertourismus, Kreuzfahrtschiffe und ökologischen Raubbau.  An der Uni beginnt sie sich als Umweltaktivistin zu engagieren und radikalisiert sich immer mehr.

Insgesamt hat mich das Buch nicht erreicht. Der Autorin gelingt es, die Folgen von Umweltzerstörung und Maximalisierung der Gewinne um jeden Preis aufzuzeigen.

Die Zeichnung der Personen und deren interfamilärer Beziehungen jedoch ist schwerfällig und voller Stereotypen. Die Projektionen der unterschiedlichen politischen Positionen lassen Guido und Lea wie Karikaturen erscheinen. Dabei wird kein Klischee ausgelassen. Die noch nicht volljährige Lea verliebt sich in ihren älteren Professor („Und mit siebzehn Jahren auf einmal die Geliebte eines fast fünfzigjährigen Mannes zu sein, gibt ihr das Gefühl, jetzt eine Frau zu sein“). Nicht weniger holzschnittartig wird Maria Alba gezeichnet. Sie ist natürlich wunderschön, sorgt sich ständig um gutes Essen, trägt kein Kleidungsstück zwei Tage hintereinander und sitzt fast den ganzen Tag in der Hollywoodschaukel – die devote Politikergattin aus altem Adel.

Kann man lesen, muss man aber nicht.
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