Buchtipp von Helmut Törner-Roos
Das Fest von Lucy Fricke
Soll man den runden Geburtstag feiern, oder nicht?
Diese Frage stellt sich Jakob, ein ehemaliger Filmregisseur, der an seinem 50. Geburtstag am liebsten allein bleiben möchte.
Beruflich läuft es nicht, privat ebenso wenig, die meisten FreundInnen hat er eh längst aus den Augen verloren.
Doch seine Freundin Ellen denkt nicht daran, ihn in Ruhe zu lassen.
Mit Kerzen und Champagner überrascht sie ihn und zieht ihn hinein in einen Tag, der alles andere als gewöhnlich verläuft.
Schon der erste Programmpunkt – ein Ausflug ins Freibad – endet überraschend: Ellen verschwindet spurlos, und Jakob trifft stattdessen auf Inken, seine alte Liebe.
Es ist ein Wiedersehen, das schmerzt und tröstet zugleich, zumal Inken inzwischen mit einem Zahnarzt verheiratet ist, der Jakob kurz darauf den frisch verlorenen Zahn behandelt.
Es ist eine eindrucksvolle Reihe an Blessuren, die Lucy Frickes Held Jakob im Laufe der Handlung ihres neuen Romans erleiden muss.
Neben dem ausgeschlagenen Zahn ein blaues Auge und ein dicker Daumen, ein verstauchter Fuß, dazu noch viel Anflüge von Wehmut und Nostalgie.
Jakob stolpert von einer Begegnung in die nächste, die immer weniger wie Zufall wirken.
Nach und nach zeigt sich, dass Ellen Regie führt.
Sie hat Jakob ein Fest der besonderen Art arrangiert: ein Wiedersehen mit Menschen aus seiner Vergangenheit, mit Erinnerungen, die er verdrängt hatte, und mit Gefühlen, die er längst vergessen glaubte.
Diese Begegnungen – ob mit einer Jugendfreundin, die alte Wunden aufreißt, oder mit einer Sozialpädagogin, die ihm ungefragt Ratschläge erteilt – ermöglichen Jakob, seine eigene Geschichte neu zu betrachten.
Die Autorin erzählt all das mit leichter Hand, ohne ins Seichte zu rutschen.
Ihre Dialoge sind pointiert, oft scharfzüngig, aber immer durchzogen von Wärme und Tiefe (Das ist das Letzte, was wir von unseren Eltern lernen: das Vergessen und das Sterben.).
Man lacht über die Absurditäten – ein Mann, der sich bei seiner Ex behandeln lassen muss, weil ihm ein Zahn ausgefallen ist – und spürt gleichzeitig die existenzielle Schwere dahinter: das Altern, die verpassten Chancen, die Angst, unsichtbar zu werden.
Das Fest ist ein kleiner Roman voller Herzenswärme, der jedoch nie in den Kitsch abgleitet. Er lädt ein die Niederlagen des Lebens liebevoll zu betrachten und es immer wieder als Chance zu verstehen.
Helmut Törner-Roos