Buchtipp von Helmut Törner-Roos
Leon de Winter: Stadt der Hunde
Jedes Jahr zieht es Jaap Hollander zurück nach Israel.
Nie hat er die Hoffnung aufgegeben, dass seine Tochter Lea noch lebt.
Vor einigen Jahren verschwand sie spurlos in der Negevwüste während einer Reise nach Israel.
Mit ihrem damaligen Freund war sie auf den Spuren ihrer jüdischen Wurzeln.
Hollander gilt als einer der renommiertesten Hirnchirurgen der Welt.
Er operiert auch dann, wenn seine KollegInnen längst aufgegeben haben.
Es geht ihm gut. Er hat alles, was er braucht.
Seine Frau betrügt er mit den Schwestern des Krankenhauses, für seine Tochter hat er wenig Zeit und Interesse.
Bis sie verschwindet…
Die Suche nach seiner Tochter wird für ihn immer mehr zum Lebensinhalt.
Jedes Jahr fährt er in das Gebirge, in dem sie zuletzt gesehen wurde, verhandelt mit einem Geologen über eine großangelegte, teure Suchaktion.
Da trifft es sich, dass der israelische Ministerpräsident mit einer ungewöhnlichen Bitte an ihn herantritt.
Er soll die Tochter eines saudischen Prinzen operieren, die an einem lebensbedrohlichen Hirntumor leidet.
Die Erfolgsaussichten sind sehr gering.
Doch liegen in der designierten Königin große Hoffnungen auf Entspannung zwischen den beiden Ländern.
Stadt der Hunde ist ein komplexer Roman mit psychologischem und philosophischem Tiefgang.
Es geht um nichts weniger als um Leben und Tod, Schuld und Versöhnung und um die ethischen Fragen der Medizin.
Und es geht – fast ganz aktuell - um die geopolitischen Verstrickungen der Nahostregion, insbesondere um das Verhältnis zwischen Israel und Saudi Arabien.
Bei all dem erzählt de Winter auf eine sehr flüssige, manchmal lakonische Art und Weise.
Der Roman enthält manche Überraschungselemente.
Geradezu mystisch wird es, als ein Hund den Mediziner wie die mythologische Figur des Zerberus in jene Höhle führt, in der Lea verschwunden ist.
Hollander kommt aus dieser Höhle verwandelt zurück, mit einem anderen Blick auf die Welt.
Am Ende packt Hollander seine Sachen, um zu einem Festival am 7. Oktober 2023 aufzubrechen...