Buchtipp von Helmut Törner-Roos
Daniel Glattauer: In einem Zug
Daniel Glattauer kann Dialoge, das wissen wir spätestens seit „Gut gegen Nordwind“.
Auch ‚In einem Zug‘ verwandelt er eine kleine Begegnung in eine schöne Geschichte.
Zwei Fremde teilen sich ein Zugabteil, ein Gespräch entwickelt sich, das anfangs harmlos und unverbindlich wirkt und sich doch zunehmend verdichtet.
Es geht um das, was wir Fremden erzählen, weil wir es sonst niemandem sagen, und um die flüchtige Intimität, die nur während einer Zugfahrt entstehen kann.
Glattauer versteht es, mit knappen Dialogen und präzisen Beobachtungen eine Atmosphäre herzustellen, die zugleich alltäglich und besonders wirkt.
Er arbeitet mit feinem Humor, ohne seine Figuren bloßzustellen.
Die Sätze sind schnörkellos, klar, oft von einem trockenen Witz durchzogen, der der Leserin/dem Leser ein leises Lächeln entlockt.
Thematisch bewegt sich In einem Zug im typischen Glattauer-Kosmos: Kommunikation, Nähe und Distanz, die Frage nach dem, was bleibt, wenn sich zwei Menschen zufällig begegnen und kurz aus ihrem Alltag heraustreten.
Dass es dabei keine großen dramatischen Wendungen braucht, ist Teil des Konzepts.
Der Reiz liegt gerade in der Andeutung, in den kleinen Momenten, in einem Blick oder dem kleinen Unterschied zwischen Gedachtem und Ausgesprochenem.
Manche Dialogzeilen sind so treffsicher, dass man sie im eigenen Kopf noch einmal laut mitsprechen möchte.
Wer große gesellschaftliche oder psychologische Tiefen erwartet, wird hier möglicherweise enttäuscht, doch darum geht es Glattauer auch nicht.
Sein Ziel ist eine leise, lebensnahe Erzählung, die den Leser für die Dauer einer Zugfahrt in eine Situation versetzt, die vielen vertraut sein dürfte.
In einem Zug ist ein Buch, das in seiner Kürze und Leichtigkeit eine präzise Beobachtung unserer Sehnsucht nach Begegnung und Gespräch enthält.
Ein Buch, das genau das tut, was sein Titel verspricht: Es zieht vorbei, schnell, leicht, und bleibt doch im Gedächtnis – wie ein Gespräch mit einem Fremden, den man angefangen hat, zu mögen…