Buchtipp von Helmut Törner-Roos
Jonas Hassen Khemiri: Die Schwestern
Für den Erzähler Jonas ändert sich alles, als drei Schwestern in seine Nachbarschaft ziehen: die erstgeborene, ernsthafte Ina, die lebhaft-chaotische Anastasia und die bildhübsche, etwas verträumte Evelyn.
Ihre Mutter stammt aus Tunesien, wer ihr Vater ist, weiß niemand. Bald wird Jonas klar, dass die Schwestern auf geheimnisvolle Weise mit seiner eigenen Familie und der Vergangenheit seines Vaters verflochten sind.
Sie üben eine unglaubliche Faszination auf ihn aus – warum, das erschließt sich erst im Laufe des 730 Seiten starken Romans.
Über mehr als drei Jahrzehnte, von 2000 bis ins Jahr 2035, kreuzen sich die Lebenswege der Schwestern und Jonas immer wieder.
In Schweden, Tunesien und den USA erleben sie Liebesgeschichten und Lebenskrisen, suchen nach einem sinnvollen Leben und setzen sich mit ihrer Herkunft und der Tatsache auseinander, nicht weiß zu sein.
Familiengründung, ein Sprachkurs in Tunesien und die Jahre in Berlin und New York sind weitere Stationen ihrer Lebenswege.
In ihrem Aussehen, ihren Ansichten und ihrem Wesen könnten die drei Schwestern kaum unterschiedlicher sein.
Dennoch finden sie immer wieder zueinander.
Neben der Suche nach der eigenen Identität gehört die Vergangenheit, die wie ein Schatten über der Gegenwart liegt, zu den großen Themen des Buches.
Eine besondere Rolle spielt dabei ein angeblicher Fluch, der die Schwestern miteinander verbindet und zusammenhält: Alles, was sie lieben, soll ihnen genommen werden.
Im letzten Drittel des Romans spitzen sich die Ereignisse in New York zu.
Die Stadt ist das Sehnsuchtsziel des Ich-Erzählers, aber auch für die Schwestern ein besonderer Ort.
Einer Familienlegende zufolge soll einer ihrer Vorfahren am Bau des Rockefeller Centers beteiligt gewesen sein und auf dem berühmten Foto der Bauarbeiter hoch über den Straßen New Yorks abgebildet sein.
Auch die Erzählstruktur ist ungewöhnlich.
Der Roman besteht aus sieben Büchern, in denen sich die Erzählzeit für die Ereignisse über vier Jahrzehnte hinweg immer weiter verkürzt – von einem Jahr bis hin zu einer einzigen Minute.
Die Perspektiven wechseln: Mal stehen die drei Schwestern im Mittelpunkt, mal berichtet Jonas aus seinem eigenen Leben, mal begegnet er einer der Schwestern.
Sehr gerne habe ich mich von Khemiri in die Familiengeschichte und die Lebenswege der Schwestern hineinziehen lassen.
Obwohl neben den persönlichen Schicksalen auch zahlreiche gesellschaftliche Themen eine Rolle spielen – etwa Corona, MeToo, Migration und Depression –, entsteht nie der Eindruck thematischer Überfülle.
Die verschiedenen Lebensgeschichten und Themen fügen sich zu einem vielschichtigen Roman über Herkunft, Identität, Familie und die Macht der Vergangenheit.